Utrechter Reiterfliesen des 19. Jahrhunderts
im Gartensaal von Schloss Reinhardtsgrimma

 

 

Reinhardtsgrimma ist ein Ortsteil der Stadt Glashütte im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge im Freistaat Sachsen. Die Ortschaft liegt etwa 20 Kilometer südlich der Landeshauptstadt Dresden zwischen den Flüssen Rote Weißeritz und Müglitz.

 

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Schloss Reinhardtsgrimma – Ansicht von der Parkseite

Die Freitreppe führt zum Gartensaal

 

Schloss Reinhardtsgrimma

Der Sächsische Kammerrat Johann Christoph Lippold (1725-1768) ließ das Schloss zwischen 1765 und 1768 errichten. Architekt war der Sächsische Oberlandbaumeister Johann Friedrich Knöbel (1724-1792).

Das zum Park vorwölbende Mittelteil birgt im Parterre einen Gartensaal und im Obergeschoss einen Festsaal. Überragt wird das Mansarddach von einem markanten schlanken Glockenturm. Schloss Reinhardtsgrimma ist ein besonders schönes Zeugnis des sächsischen Rokoko.

 

Umbaumaßnahmen 1908

Dem Bauherrn Johann Christoph Lippold folgten mehrere Besitzer bis der königlich-sächsische Generalmajor Friedrich Hugo Maximilian Senfft von Pilsach (1854-1931) 1908 das Schloss mit Ländereien erwarb. Seine auf der Insel Java geborene niederländische Frau, Alpheda Teding van Berkhout (1863-1959) trug mit ihren finanziellen Mitteln erheblich zum Kauf und zu gründlichen Umbaumaßnahmen bei.

In dieser Zeit wurden auch die Utrechter Reiterfliesen am Kamin im Gartensaal angesetzt.

 

 

Reiterfliesen am Kamin

 

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Ansicht des ursprünglich offenen Kamins

  

Die Fliesenbekleidung ist zehn Fliesen hoch, neun Fliesen breit und wird von Profilen umrahmt.
Am Kamin wurden sechsunddreißig ganze und vier geschnittene Fliesen verarbeitet.

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Linke obere Ecke der Fliesenbekleidung

 

Bei der Bemalung der Fliesen wurden Durchstaubschablonen als Hilfsmittel benutzt. Trotzdem blieb den Malern die eigene Handschrift. Dies sieht man deutlich an den beiden nach vorne stürmenden Reitern im Bereich der Profilecke.

 

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Die Glasur der Fliesen weist feine Glasurrisse (Craquelé) auf. Diese Glasurrisse beinträchtigen den optischen Eindruck der Fliesen, aber nicht deren Haltbarkeit.

 

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Sechs Fliesen links neben dem Kamineinsatz.

 

Es fällt auf, dass Fliese drei und Fliese sechs nach gleicher Durchstaubschablone gemalt wurden. Ein Detail unterscheidet allerdings die beiden Fliesen; das Pferd auf Fliese sechs stellt einen Apfelschimmel dar. Alle Fliesen haben die Lilie als Eckornament.

 

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Mittleres Fliesenfeld über dem Kamineinsatz
Von links kommende treffen auf von rechts kommenden Reiter. 

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Obere rechte Ecke der Fliesenbekleidung.

 

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Sieben verschiedene Reiterfliesen rechts neben dem Kamineinsatz.

 

 

Reiterfliesen nach Tempesta

Zu den Fliesen am Kamin im Gartensaal von Schloss Reinhardtsgrimma fand ich eine Besonderheit. Die Fliesenmaler benutzten grafische Vorlagen des Antonio Tempesta (* ca. 1555 in Florenz  + 5. August 1630 in Rom) für einige Reiterfliesen.

 

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Alexander der Große, von 336 v. Chr. bis zu seinem Tod König von Makedonien und Hegemon, dehnte die Grenzen des Reiches, das sein Vater Philipp II errichtet hatte, durch den sogenannten Alexanderzug und die Eroberung des Achämenidenreichs bis an den indischen Subkontinent aus.

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Campaspé war eine griechische Hetäre und Geliebte Alexanders des Großen

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Nicht am Kamin im Gartensaal von Schloss Reinhardtsgrimma.

Cassandane (vor 567 v. Chr. – 567 v. Chr.) war die Gattin des persischen Königs Kyros II.

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Cyrus Mayor, Begründer des Achämenidenreiches, herrschte über ein Imperium, das alle früheren Staaten des alten Nahen Ostens und schließlich die meisten Staaten im Südwesten Asiens umfasste.

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Die anmutige Isabella ist eine von acht Personen aus Ariosts Orlando Furioso.
Orlando Furioso (Der rasende Roland), ein Epos von Ludovico  Ariosto, erschien erstmals 1516.

 

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Gaius Iulius Caesar (* 100 v. Chr. in Rom - * 44 v. Chr. in Rom) war ein römischer Staatsmann und Feldherr. Er eroberte in den Jahren 58 bis 51 v. Chr. Gallien bis zum Rhein. Im anschließenden Römischen Bürgerkrieg von 49 bis 45 v. Chr. setzte er sich gegen seinen ehemaligen Verbündeten Pompeius und dessen Anhänger durch und errang die Alleinherrschaft. Der Name Caesars wurde zum Bestandteil des Titels aller nachfolgenden Herrscher des römischen Kaiserreichs.

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Nicht am Kamin im Gartensaal von Schloss Reinhardtsgrimma.

Ninus ist der mythische namensgebende Gründer der Stadt Ninive in Assyrien. Nach einem in das 1. oder 2. Jahrhundert v. Chr. zu datierenden Roman war er Gatte der Semiramis.

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Nicht am Kamin im Gartensaal von Schloss Reinhardtsgrimma.

Semiramis, Gattin des Ninus, folgte ihm in der Regierung und gründete Babylon. Ihr werden die Hängenden Gärten in Babylon, eines der Sieben Weltwunder, zugeschrieben.

 

Die abgebildeten Kupferstiche liegen im Kupferstichkabinett Dresden unter A 96182/272 122 bis 272 129 einschließlich.

 

 

Utrecht als Herstellungsort der Reiterfliesen vom Kamin im Gartensaal

Die Fliesen wurden in der ‘N.V. FAIENCE- EN TEGELFABRIEK GEBRS. RAVESTEIJN‘ zwischen 1880 und 1908 in Utrecht gefertigt.

 

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Umschlag eines Katalogs der Firma „WESTRAVEN“ aus dem ersten Viertel des 19. Jahrhunderts

 

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Musterblatt der Firma „WESTRAVEN“

 

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Nr. 107 im Katalog „WESTRAVEN“                             Fliese am Kamin in Schloss Reinhardtsgrimma

 

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Musterblatt 51 der N.V. FAIENCE- EN TEGELFABRIEK GBRS. RAVESTEJN „WESTRAVEN“.

 

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Nr. 319 im Katalog „WESTRAVEN“                         Fliese am Kamin in Schloss Reinhardtsgrimma

auf Musterblatt 51

 

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Im Katalog „WESTRAVEN“                                       Fliese am Kamin in Schloss Reinhardtsgrimma

auf Musterblatt 52                         

 

Die Utrechter Reiterfliesen des 19. Jahrhunderts in Schloss Reinhardtsgrimma sind kulturhistorisch bedeutsame Zeugnisse der Raumgestaltung und niederländischer Fliesenkultur. Sie basieren auf Rotterdamer Reiterfliesen des 17. und 18. Jahrhunderts.

 

 

Rotterdamer Reiterdarstellungen auf Fliesen des 17. und 18. Jahrhunderts mit Szenen wie am Kamin im Gartensaal von Schloss Reinhardtsgrimma

In Rotterdamer Fliesenwerkstätten wurden im 17. und 18. Jahrhundert Reiterfliesen in der Art der Fliesen im Gartensaal von Schloss Reinhardtsgrimma hergestellt und fanden eine große Verbreitung in Frankreich, Portugal, England und Deutschland.

Frankreich

Bei Ausgrabungen in Versailles, Marly und Rochechouart fand man Reste Rotterdamer Reiterfliesen des 17. Jahrhunderts in blauer Bemalung.

Portugal

1706 wurden Reiterfliesen in manganfarbener Bemalung von Rotterdam nach Figueira da Foz (Distrikt Coimbra, Nordportugal) geliefert.

England

Für einen offenen Kamin im Tredegar House bei Newport in South Wales wurden 1715 Reiterfliesen in manganfarbener Bemalung geliefert.

Deutschland

1723 lieferte Hendrik Schut aus Rotterdam Reiterfliesen in blauer Bemalung für die Orangerie des Schlosses Schwetzingen.

Auch im Schloss Nordkirchen gibt es gleichartige Rotterdamer Reiterfliesen in blauer Bemalung.

 

 

Im Gemeentearchief Rotterdam liegen unter GAR 3105–3119 Durchstaubschablonen, die Reiterdarstellungen auf Fliesen in Schloss Reinhardtsgrimma entsprechen.

Darstellungen auf Fliesen wurden fast nie aus freier Hand gemalt. Man benutzte in der Regel Durchstaubschablonen (Sponsen) als Hilfsmittel. Diese bestanden aus einem Stück Papier in der Größe der Fliese. Auf der Muttersponse war das Dekor entweder gedruckt oder gezeichnet. Unter dieses Blatt legte man weitere Blätter Papier. Nun wurden alle Linien mit einer Nadel dicht an dicht durchstochen.

Nachdem die einmal gebrannte Fliese mit einer Schicht weiß brennender Zinnglasur bedeckt war, nahm man die Fliese, legte eine Durchstaubschablone auf und klopfte mit einem mit Kohlepuder gefüllten Stoffsäckchen auf die Durchstaubschablone. Kohlepuder drang durch den groben Stoff und die Durchstaubschablone und setzte sich in feinen schwarzen Pünktchen auf die Zinnglasur. Nun konnte der Fliesenmaler das aus punktierten Linien bestehende Motiv nachmalen. Details und Schattenpartien konnte er nach eigenem Stil gestalten. Nach nochmaligem Brand war die Fliese fertig.

 

Durchstaubschablone

im Rotterdamer Archiv

Fliese am Kamin in

Schloss Reinhardtsgrimma

 

 

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Zusammenfassung

Die Reiterfliesen am Kamin im Gartensaal von Schloss Reinhardtsgrimma wurden in der Zeit zwischen 1880 und 1908 bei der Firma Westraven in Utrecht hergestellt. Die Dekore basieren auf Rotterdamer Reiterfliesen des 17. und 18. Jahrhunderts.

 

 

Benutzte Literatur

Wikipedia

Pluis, Jan, Nederlandse Tegels 1900-2000, Leiden 2008

Pluis, Jan, De Nederlandse Tegel, decors en benamingen 1570-1930, Leiden 2013

 

Fotonachweis

Klaus-Peter und Anna Dyroff: Titel, 01-13, 17, 20, 22

Jan Pluis: 14-16, 18, 19, 21

 

 

Schloss Reinhardtsgrimma

Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie

Bildungszentrum

Besucheradresse: Schlossgasse 2

01768 Reinhardtsgrimma

Telefon: 0355053-407-0

Montag bis Donnerstag von 7.30 Uhr bis 16.00 Uhr
und Freitag, von 7.30 Uhr bis 14.00 Uhr
nach Vereinbarung zu besichtigen.

 

*    lfulg.bz.reinhardtsgrimma@smul.sachsen.de

*    www.smul.sachsen.de/lfulg

 

 

Vom Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement, Niederlassung Dresden I, erhielt ich mit Nutzungsvertrag vom 10. August 2017 die Erlaubnis, historische Fliesenarbeiten im Schloss Reinhardtsgrimma zu fotografieren und Berichte mit diesen Fotos auf meiner nicht kommerziellen Homepage www.geschichte-der-fliese.de zu veröffentlichen.

 

 

Mein Dank gilt

Thomas Kitt, stellvertretender Leiter des Bildungszentrums Reinhardtsgrimma, für vielfältige Hilfe;

Klaus-Peter und Anna Dyroff aus Dippoldiswalde für die Fotoarbeiten im Gartensaal;

Jan Pluis für Informationen und Bildmaterial zur Utrechter Firma „WESTRAVEN“

und meinem Sohn Norbert für die Bearbeitung und Veröffentlichung des Berichtes.

 

 

Bitte beachten Sie meine Veröffentlichung zu niederländischen Fliesen in Schloss Reinhardtsgrimma

Amsterdamer und Utrechter Fliesen des 18. Jahrhunderts in Schloss Reinhardtsgrimma

www.geschichte-der-fliese.de/reinhardtsgrimma.html

 

 Bitte beachten Sie frühere Veröffentlichungen zu Rotterdamer Reiterfliesen auf meiner Homepage:
1. Bruno Bentz et Wilhelm Joliet, Les cavaliers d’Antonio Tempesta peints sur les carreaux de faïence hollandais importés en France au XVIIe siècle
www.tegels-uit-rotterdam.com/cavaliers.html
2. Rotterdamse Ruitertegels in Schwetzingen
www.tegels-uit-rotterdam.com/schwetzingen.html
 
3. Reiterfliesen aus Rotterdam und Utrecht im Tredegar House, Wales
www.tegels-uit-rotterdam.com/tredegar_house_dt.html
 
4. Tiles with figures on horseback from Rotterdam and Utrecht in Tredegar House, Wales
www.tegels-uit-rotterdam.com/tredegar_house_eng.html
 
5. Fliesen aus der Rotterdamer Fayencewerkstatt >aan de Delftschevaart bij de Raambrug< für das kurfürstliche Schloss in Schwetzingen
www.tegels-uit-rotterdam.com/schwetzingen_dt.html
 
6. Reiterfliesen in Figueira da Foz
www.tegels-uit-rotterdam.com/figueira_de_foz_reiterfliesen.html
 
7. Reiterfliesen in Schloss Nordkirchen
www.tegels-uit-rotterdam.com/nordreiterfliesen.html