Die Heilige Schrift auf Fliesen:

Fliesen als Beispiel der biblischen Kultur 
im Alltag der Niederländischen Republik

Piotr Oczko

Kurzfassung des Artikels:

Die Geschichte der niederländischen Fliesen begann in Antwerpen im sechzehnten Jahrhundert in Werkstätten der italienischen Töpfer, die sich in der Stadt an der Schelde niedergelassen hatten. Aus politischen und sozialen Gründen (d.h. wegen einer gewaltigen Flüchtlingswelle während des niederländischen Freiheitskampfes) verlagerte sich die Fliesenproduktion in den Norden der Niederlande, wo sie zur vollen Blüte gelangte und wo sich das Angebot der Fliesenwerkstätten der Republik in ganz Europa des größten Bekanntheitsgrads erfreute und einen ungeheuren wirtschaftlichen Erfolg erlebte. Der vorliegende Artikel befasst sich hauptsächlich mit niederländischen Fliesen, die biblische Szenen darstellen (bijbeltegels), und untersucht sie in ihrem vielfältigen Zusammenhang, z.B. vor dem Hintergrund von Glaubensbekenntnis und Gesellschaft, des ikonografischen Ursprungs ihrer Dekore (Gravuren, Bilderbibeln, Durchstaubschlonen / sponsen), des Geschmacks und der gesellschaftlichen Stellung potentieller Käufer. Darüber hinaus wurde das künstlerische und kulturelle Phänomen niederländischer Bibelfliesen interpretiert in Begriffen einer viel umfassenderen Tradition, nämlich der ‚Biblisierung‘ des Alltagslebens in der Niederländischen Republik. Zu guter Letzt wird das Thema der niederländischen Fliesen als Ausdruck einer nationalen Kulturtradition behandelt.

 

Schlüsselbegriffe:

niederländische Fliesen, niederländische Töpferei, Bibelkultur in der Niederländischen Republik, Bilderbibeln, niederländische Interieurs.

 

Niederländische Fliesen:

Vom 17. bis zum 19. Jahrhundert waren niederländische Fliesen in ganz Europa berühmt. Millionen Fliesen wurden aus den Niederlanden importiert als Dekoration für Wände von Palästen der Aristokraten, Häuser der Reichen und sogar von Kirchen. Fliesen galten sogar als ‚Botschafter‘ der niederländischen Kultur, da sie den Eindruck des Landes noch erfolgreicher vermittelten als Literatur, z.B. in Reiseberichten. Allerdings beginnt die eigentliche Fliesengeschichte in den südlichen Niederlanden, nämlich in Antwerpen, wo sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts italienische Töpfer niedergelassen hatten, die sich auf die Kunst der Majolika spezialisiert hatten. Die ersten Fliesen, die sie herstellten, waren vielfarbig, meistens mit Ornamenten versehen, nur manchmal figürlich in der Dekoration und ursprünglich entworfen für Fußböden, nicht für Wände. Die noch existierenden, berühmtesten Beispiele kann man im „The Vyne Palace“ in Hampshire (1520) und in der Abtei von Herkenrode in der Nähe von Hasselt (1532, Abb. 1) finden. Weiterhin weisen die frühen Fliesen aus Antwerpen nicht nur einen starken italienischen Einfluss auf, sondern z.T. auch islamisch beeinflussten spanischen Charakter (Gruber et al. 1994: 30ff, Kamermans 2013: 20-21, De Jonge 1971: 1-3, 16-27).

Der Ausbruch des niederländischen Aufstands gegen die spanische Besatzung führte dazu, dass eine riesige Welle protestantischer Flüchtlinge ein sichereres und besseres Leben in den nördlichen Provinzen suchte – im Falle von Antwerpen erreichte die Abwanderung fast die Hälfte der Einwohner der Stadt. Die Nachfahren der italienischen Handwerker, die bis dahin schon den neuen Glauben und die neue Sprache angenommen hatten, und ihre Mitarbeiter zogen in Richtung London, Norwich und Hamburg, aber vor allem in den Teil, der bald die Niederländische Republik werden sollte. Die Werkstätten wurden in Middelburg, Haarlem, Amsterdam, Rotterdam, Dordrecht, Utrecht, Hoorn, Gouda und Harlingen eingerichtet; andere friesische Orte wie Makkum und Bolsward folgten etwas später.

Vom 17. bis zum 20. Jahrhundert gab es fast 200 Werkstätten zur Fliesenherstellung (tegelbakkerijen) in den Niederlanden (Pluis 2013: 89-97). Die Stadt Delft erreichte bald den Status des sprichwörtlichen, führenden Manufakturzentrums der niederländischen Fayencewerkstätten, wobei sich die Produktion hauptsächlich auf Teller, Schüsseln, Krüge, Vasen und dekorative Objekte konzentrierte, während Fliesen lediglich einen geringen Anteil der Produktion ausmachten. Die Bekanntheit und Rolle von Delft hatte jedoch zur Folge, dass der Begriff Delfter Fliesen von nun an fälschlicherweise für das Stilmerkmal angewendet wurde, anstatt die tatsächliche Zuordnung zu bezeichnen (dasselbe gilt für Begriffe wie Delfter Blau oder Delfter Fayencen für Tonwaren mit Zinnglasur in blauer Bemalung, ohne Rücksicht auf ihren eigentlichen Herstellungsort).

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurden aus historischen und gesellschaftlichen Gründen die ursprünglich polychromen Tonfliesen größtenteils abgelöst durch solche mit weiß-blauem Muster. 1602 und 1604 kaperten Schiffe der Niederländischen Ostindiengesellschaft (VOC) zwei portugiesische Schiffe mit Ladungen mehrerer hunderttausend weiß-blauer Porzellanobjekte aus China, die 1607 auf Auktionen in Middelburg und Amsterdam verkauft wurden. Diese Verkäufe führten nicht nur in der Republik sondern in ganz Europa zu einer außerordentlichen Zunahme an Interesse, Sammelleidenschaft, und unersättlicher Nachfrage nach blau bemalten Fayencen, die den Stücken aus Porzellan ähnlich sahen.

Infolgedessen begannen die niederländischen Handwerker die begehrten Porzellanformen, Muster und Motive in Fayence nachzuahmen. Entsprechend wurde die vorrangige Farbe der Fliesen in blau geändert, obwohl Manganfarben zum Ende des 17. Jahrhunderts auch beliebt wurden.

Von ca. 1630 an begannen Werkstätten seriell Fliesen herzustellen, was dazu führte, dass es einige Dutzend Fliesen gab, die thematisch verwandte ikonografische Muster aufwiesen. Die Vielfalt war riesig und reichte über Landschaften (Abb. 2), pastorale Szenen (Abb. 3), Pflanzen (oft als Stillleben) und Tiere (einheimische und exotische) (Abb. 4), Blumenvasen, spielende Kinder (Abb. 5), Putten (Abb. 6), Figuren aus der Mythologie und Seetiere (Abb. 7), Schiffe (Abb. 8), bildliche Darstellungen von Sprichwörtern („Als de vos de passie preekt, boer pas op je kippen“ – when a fox preaches on the Passion, a peasant should keep his eye on the chickens, (Abb. 9) – Wenn der Fuchs von der Passion predigt, sollte der Bauer seine Hühner im Auge behalten), Soldaten und Reiter, Genremalerei, manchmal sogar Darstellungen, welche die Regeln des Anstandes und der Etikette missachteten (niederländische Männer, die Stuhlgang haben, pinkeln, sich übergeben, niederländische Frauen, die ihre Röcke heben zur unaussprechlichen Freude der Zuschauer (Abb. 10), und darüber hinaus Szenen aus der Bibel (bijbeltegels) (Abb. 11, 12, 35). Diese Bibelfliesen liefern uns einen unschätzbaren Eindruck, wie in der Vergangenheit das sacrum (das Religiöse) verstanden und wahrgenommen wurde. Zur gleichen Zeit sind sie unschätzbare Dokumente nicht nur auf dem Gebiet der Ikonografie, sondern auch der Glaubenskultur.

Im Laufe von ca. 250 Jahren dienten 592 Szenen sowohl aus dem Alten (319) wie auch dem Neuen Testament (273) als Inspiration für Fliesen; dokumentiert durch mehr als 10.000 verschiedene Objekte, die bis heute registriert sind (Pluis 1994). Natürlich bevorzugten die Fliesenmaler solche Stellen aus der Bibel, die einen deutlichen erzählerischen Anreiz boten wie z. B. die Geschichten aus Genesis (1. Buch Mose), Exodus (2. Buch Mose), Richter, Samuel, Könige, den vier Evangelien, der Apostelgeschichte, und dem Buch der Offenbarung. Im Gegensatz dazu waren die alttestamentlichen Bücher Leviticus (3. Buch Mose), Deuteronomium (5. Buch Mose), Esra, Sprüche Salomos, Klagelieder Jeremias, Jesaja, Hesekiel, Hosea, Amos, die Psalmen und das Hohelied Salomos viel weniger beliebt und zwar wegen ihres streng argumentierenden, belehrenden, wenig erzählerischen und nicht-bildhaften Karakters. Einige Motive erschienen öfter als andere – Adam und Eva im Paradies, die Opferung Isaaks durch Abraham, die Taufe Jesu, die Kreuzigung usw. kommen recht häufig vor, während die Geschichten von Nadab und Ahibu oder dem Propheten Agabus aus der Apostelgeschichte äußerst selten dargestellt wurden (Pluis 1969:8). Im Allgemeinen übertrafen die Szenen aus dem Alten Testament zahlenmäßig die Geschichten aus den Evangelien, was sich nicht nur durch den viel größeren Umfang des ‚israelitischen‘ Teils der Bibel erklärt, sondern auch, wie ich im Folgenden ausführen werde, in niederländischen kulturellen Faktoren.

Bis zum Ende den 18. Jahrhunderts spiegelte die Fliesenproduktion hauptsächlich die Ästhetik des protestantischen Bekenntnisses wider – die Darstellungen, die wir vielleicht als streng ‚katholisch orientiert‘ bezeichnen können, waren sehr rar (Abb. 23). Seit 1853 jedoch, als die Hierarchie der römisch-katholischen Kirche in den Niederlanden offiziell hergestellt war und das katholische Leben wieder zu florieren begann, so dass viele Kirchen gebaut wurden, da erkannten die Fliesenhersteller, dass sich ein neuer Markt auftat, und führten geeignete Motive ein (Abb. 14, 15) (Sprangers 2013: 95-101). Zur großen Überraschung wurden keine Einschränkungen erhoben auf das Design der Fliesen bezüglich der apokryphischen Bücher (d. h. die Bücher, die nicht in der hebräischen Bibel enthalten sind und daher von Protestanten als Apokryphen betrachtet werden - z.B. die Bücher Tobias, Judit oder Daniel) welche als ständige Quelle der Inspiration dienten. Die Erklärung hierzu könnte darin liegen, dass sie in der Statenvertaling (erste vollständige Bibelübersetzung ins Niederländische) enthalten waren, aber zum Schluss, und versehen waren mit einer Warnung für die Leser. Obwohl die Fliesenhersteller während ihrer Arbeit zweifellos die Statenvertaling im Sinn hatten, ist eine interessante Ausnahme bekannt. Ca. 1650 malte ein Kunsthandwerker aus Amsterdam den durstigen Samson, der Wasser trinkt, welches aus dem Kiefer eines Esels entspringt (Das Buch der Richter 15: 17-19, Abb. 24). Es beweist, dass ihm die frühe niederländische Fassung der Vulgata bekannt war, in welcher Gott die Höhle in Lechei für Samson nicht öffnet („de holle plaetse die in Lechei is“ –Übersetzung von 1637) sondern „een baktand in het ezels kaeksbeen“ (– ein Backenzahn im Kiefer eines Esels), aus dem Wasser entspringt (in Latein: „aperuit itaque Dominus molarem dentem in maxilla asini“) (Pluis 1994: 610-611).

Vor dem 17. Jahrhundert entstanden wenige niederländische Fliesen mit biblischen Motiven und das in großen zeitlichen Abständen. Die Heilige Schrift wurde meistens dargestellt in sogenannten tegeltableaus, d. h. die Fliesenbilder bestanden aus mindestens zwei aber auch bis zu mehreren Dutzend einzelner Fliesen, welche, wenn sie zusammengefügt wurden, eine ganze Szene darstellten. Das früheste bekannte Beispiel zeigt die Bekehrung des Saul (1547) und ist im Vleeshuis in Antwerpen (Abb.13) zu sehen. Erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurden Serien einzelner Bibelfliesen üblicher, ihre Produktion erreichte ihren Höhepunkt ca. 1700 – 1900. Darüber hinaus brachten im 19. Jahrhundert die Werkstätten von Utrecht und Friesland nicht nur die biblischen Tegeltableaus aus vielen Fliesen zurück (Abb. 14,15) und machten sie in größerem Maßstab populärer, sondern sie begannen auch, die katholischen Gläubigen zu beliefern, indem sie ihnen Abbildungen der Jungfrau Maria anboten oder von der Heiligen Veronika, wie sie Christi Stirn mit ihrem Schweißtuch abwischt.

Niederländische Fliesen wurden mit Hilfe von durchstochenen Papierschablonen (sponsen) bemalt. Diese Durchstaubschablonen wurden nach dem ersten Brand einer Fliese, die mit einer Zinnoxid enthaltenden Glasurschicht bedeckt war, aufgelegt. Dann wurde zu Pulver zerriebene Holzkohle in einem Beutel aus grobem Bettzeug auf die Durchstaubschablone (sponse) geklopft bis auf der Fliese darunter punktierte Umrisse sichtbar wurden. Diese ‚Skizze‘ wurde nun ausgestaltet (d.h. individuell ausgemalt und ergänzt durch verschiedene zusätzliche Elemente wie Eckmotive – hoekmotieven, Boden, Gras, Büsche, Wolken usw.). Jede einzelne Fliese, die vom gleichen Künstler hergestellt wurde, variierte leicht; abgesehen von der Tatsache, dass jede Durchstaubschablone (sponse) zwischen 100 und 200 Mal benutzt wurde und die ausgedienten durch neue ersetzt wurden. Während der Jahrhunderte wurden ähnliche Muster von vielen Kunsthandwerkern aus verschiedenen Werkstätten benutzt, was beträchtliche stilistische Abweichungen zur Folge hatte, was sowohl den einzelnen Handwerker als auch den Entstehungsort betraf.

Die Durchstaubschablonen (sponsen) basierten generell auf Illustrationen aus Bibeln (prentenbijbels, beeldbijbels) (Poortmann 1983 – 1986), wobei diese manchmal Drucke enthielten von so herausragenden Künstlern wie Albrecht Dürer, Hans Holbein, Peter Paul Rubens oder Jan Luiken. Den größten Einfluss hatten jedoch die Drucke von Matthäus Merian, dessen Icones Biblicae (1625 –1627) ständig durch die niederländischen Graveure kopiert, überarbeitet und in vielen Versionen neu veröffentlicht wurden, z.B. in Icones Biblicae von Cornelis Danckerts (1648), Historiae Sacrae Veteris et Novi Testamenti… von Nicolaes Visscher (1650) oder Toneel ofte Vertooch der Bybelsche Historien von Pieter Schut (1659) (Pluis 1994: 61-77). Man kann sagen, dass die biblischen Fliesen des 18. Jahrhunderts (von 1750 an) aus Utrecht auf Drucken aus Historiae Sacrae…basieren, Fliesen aus Amsterdam auf Stichen von Pieter Schut und dass die Fliesen aus Rotterdam (dem größten Produktionszentrum) ihre eigenen lokalen Muster ohne erkennbare grafische Vorbilder aufwiesen. Da die Maler auch ihre Arbeitsstätten wechselten und ihre Durchstaubschablonen (sponsen) mit in andere Städte nahmen, konnten Muster, die typisch waren für Utrecht, plötzlich in Friesland auftauchen und die Merkmale aus Rotterdam wurden in Amsterdam reproduziert. Im 19. Jahrhundert kamen einige neue Inspirationen auf. Zum Beispiel nutzten Werkstätten in Utrecht englische Drucke von Richard Westall (Illustrations of the Bible, London, ca. 1835) und auch katholische Andachtsbilder (devotionale Abbildungen) als Grundlage für die Dekoration von Fliesen.

Der Prozess der ikonografischen Entwicklung kann Schritt für Schritt anhand der Bilder verfolgt werden, welche die Anbetung der Weisen aus dem Morgenland darstellen wie im Matthäusevangelium beschrieben (2:11): 1. Kupferplatte von Matthäus Merian (Abb. 16), 2. Druck von Merian aus Icones Biblicae (Abb. 17); 3. niederländische Abbildung basierend auf Merian aus Historiae Sacrae (Abb. 18): 4. passende gestanzte Durchstaubschlone (sponse) (Abb. 19); 5,6. Zwei Fliesen aus Utrecht: manganfarben (ca. 1760 – 1770, Abb. 20) und blau (ca. 1790, Abb. 21).

Bibelfliesen waren die teuerste Ware im Angebot der Tegelbakkerijen, die Kosten beliefen sich bis auf das Vierfache der Fliesen mit Hirtenszenen oder Landschaften. Sie wurden in der Regel durch den sogenannten „Ersten Maler“ (eerste schilder) in einer Werkstatt hergestellt, welcher der talentierteste oder vielseitigste war. Das Malen von biblischen Szenen, sehr komplex aus ikonografischer Sicht, setzte großes künstlerisches Geschick bei der gleichzeitigen Wiedergabe von menschlichen Figuren, Gebäuden, Tieren, Pflanzen und Landschaften voraus; wobei manchmal auch noch winzige Inschriften von Textstellen samt Kapitel und Vers hinzugefügt wurden.

Diese nannte man Histories met tekst – biblische Geschichten mit Textangabe (Abb. 21, 35) welche ca. 1720 in Produktion kamen. Unter den Abbildungen, welche den biblischen Text darstellten, wurden die entsprechende Bibelstelle und der Vers eingefügt (z.B. GEN 33.V.4“), welches dem Betrachter ermöglichte, den richtigen Bibeltext direkt und richtig zuzuordnen. Aufgrund der unprofessionellen biblischen Ausbildung der Fliesenmaler waren Fehler unvermeidbar. Das waren nicht nur die einfachen Fehler (wie Verwechslung der Nummern zu den Versen), sondern schon schlimmere Fehler.

Das Buch der Richter (Latein: Judicum) wurde versehentlich für das apokryphe Buch Judith gehalten; Jan Eelkes aus Harlingen erfand‘ sogar das „Buch der Susanna“ (Abb. 22). Eigentlich muss er eine Geschichte aus dem Buch Daniel gemeint haben, aber da es nicht ein Teil des protestantischen Bibelkanons war und Susanna eine führende Rolle in der Erzählung hatte, kann seine Verwechslung nachvollzogen werden. Weiterhin war es möglich, ähnliche ikonografische Darstellungen von abgenutzten oder nicht zugeordneten Durchstaubschablonen (sponsen) falsch zuzuordnen, aus Judit mit dem Kopf von Holofernes wurde Salome mit dem Kopf von Johannes dem Täufer, die Befestigung der Stadt Jerusalem aus dem Buch von Nehemia konnte als Turmbau zu Babel gedeutet werden (Pluis 1969: 14-6, Pluis 1994: 40-41).

Ab dem 17. Jahrhundert wurden niederländische Fliesen in ganz Europa vorwiegend für rein repräsentative Zwecke gebraucht. Sie schmückten Paläste der Aristokraten und Kirchen, sie bedeckten Wände oder sogar das ganze Innere von Häusern einschließlich der Decken (z. B. im Menschikovpalast in St. Petersburg, Abb. 25). Man muss jedoch betonen, dass dieser Trend nichts zu tun hatte mit der Faszination mit der niederländischen bürgerlichen Kultur. Ganz im Gegenteil, blau-bemalte Fliesen passten einfach zu dem Modegeschmack der Zeit für alles Chinesische oder an China erinnernde (Chinoiserie) – so waren sie schon angebracht worden in im Trianon de Porcelaine, gebaut 1670 – 1674 in Versailles (Przywoźna-Leśniak 2012: 156). In der niederländischen Republik war die Nutzung der Fliesen einfach praktisch. Erstens, die erste Reihe Fliesen bedeckte die Wand am Boden, damit der Kalkanstrich der Wände vom ständigen Fegen nicht verunreinigt wurde (Oczko 2013: 422), wie man in zahllosen Genrebildern erkennt (z.B. in Vermeer’s Milchmädchen, Van Hoogstraten’s Bild eines Flures). Später wurden Fliesen als größere Flächen in Küchen angebracht, an Feuerstellen, in Lagerhallen oder sogar Keller. Schließlich fanden sie den Weg an die Wände niederländischer Bauernhäuser (boerderijen), und das sowohl im Süden (Abb. 26) wie im Norden (Abb. 27).

Bibelfliesen stellten von dieser Regel jedoch die Ausnahme dar. Aufgrund ihres hohen Preises wurden sie von reicheren Kunden gekauft, die den höheren gesellschaftlichen Standard des Inneren ihrer Häuser betonen wollten, und in dieser Absicht wurden die Bibelfliesen zur Schau gestellt an zugänglichen Stellen wie z. B. an den smuigers – hohen, repräsentativen Umrandungen von Feuerstellen (Abb. 28, 30). Besonders beliebt waren Bibelfliesen in der Zaanstreek. Sie wurden oft von frommen Mennoniten erworben, die in der Zaanstreek wohnten, nicht zu vergessen aber auch von andersgläubigen Mitbürgern, die dadurch ihren christlichen Glauben bestätigen wollten. Der erzieherische Aspekt der Fliesen steht außer Frage – hier reicht der Hinweis darauf, dass der religiöse Eifer des Philip Doddridge (1702 – 1751), Leiter der englischen Nonkonformisten und Liederschreiber, wahrscheinlich seinen Ursprung fand, als er in der Kindheit die Bijbeltegels am Kamin seiner Mutter bewunderte (Abb. 29).

 

Darüber hinaus sollten niederländische Bibelfliesen in einem weiteren historischen und kulturellen Kontext betrachtet und interpretiert werden, nämlich der breiten Annahme der Bibel in der Republik. Dies schließt eine Reihe von Faktoren ein, von denen als erster die Sola Scriptura zu nennen ist, die protestantische Lehre, welche die Grundlage für das tägliche Lesen und Studieren von Gottes Wort bildete. Willem Teelinck schrieb in seinem Huysboeck (Dieses Hausbuch wurde 1639 posthum veröffentlicht):

            alsdan so versamelde het gantsche huysgesin, jonch en out, en lasen
            t’samen een capittel vervolgens uyt de H. Schrift; alsoo bereyt zijnde door
            het lesen des Woorts, riepen sy eendrachtelyk met ghebogen knyen den
            naem des Heeren aen; daerna aen tafele […], spraken sy t’samen van het
            gene een yder uyt het capittel bemerckt hadde […]; na den eten songen
            sy t’samen eenen Psalm, dan keerde sich een ygelijck wederom tot syn
            werck. (Meeuse 1978)

„So versammelte sich die ganze Familie, die Jungen und die Alten gleichermaßen, und zusammen lasen sie ein Kapitel aus der Heiligen Schrift; so vorbereitet durch das Lesen des Wortes, knieten sie sich hin und lobten den Herrn; dann, bei Tisch […] diskutierten sie zusammen, was ihnen in diesem Kapitel aufgefallen war […]; nach dem Essen sangen sie zusammen einen Psalm, und nachdem sie das verrichtet hatten, gingen sie wieder ihrer Arbeit nach.“

 

Ein weiterer wichtiger Aspekt war die nationale Ideologie der Nederkinderen Israels, der Neuen Kinder Israels, denen zufolge die Niederländer sich als die spirituellen Nachfolger des auserwählten jüdischen Volkes betrachteten (Ziemba 2000: 148-189, Schama 1987 (93-125). Unzählige Analogien wurden in der Republik gefunden: der Sturz der spanischen Herrschaft wurde gleichgestellt mit dem biblischen Exodus, Wilhelm der Schweiger von Oranien wurde als neuer Moses betrachtet. Die Feinde der Republik nannte man Amalekiter (entsprechend verdienten sie ihr schlimmes Los), der Erwerb von Kolonien wurde verglichen mit dem gerechtfertigten Sieg über das verheißene Land Kanaan, die Prediger pflegten die Sünder mit Philistern und Sodomiten zu vergleichen und sie verantwortlich zu machen für die neue Sintflut, die offenbar bald eintreten würde. In den didaktischen und theologischen Schriften wurden niederländische Frauen angehalten, die patriotische Esther, die mutige Judith oder die tugendhaften Susanna zu verehren. Darüber hinaus passte der Calvinistische Bildersturm perfekt zu der verdammenswerten Anbetung von goldenen Kälbern und falschen Gottheiten. Die Erzählungen des Alten Testaments dienten als ständige Referenzpunkte, als politische und Glaubenspropaganda und soziale Modelle. Der mächtige nationale Mythos der Nederkinderen Israels wandte sich nicht nur an die reformierten Mitglieder der Gesellschaft – dank der calvinistischen Ausrichtung der Unterweisung „führte er zu einem gemeinsamen Bedeutungsfeld“ für alle Bürger der Republik (Frijhoff 2002:51).

Meiner Meinung nach könnte es auch der Grund sein, warum Darstellungen aus dem Alten Testament in der Ikonografie niederländischer Bibelfliesen ein leichtes Übergewicht hatten. Sicher, das Alte Testament bot schon aufgrund seines größeren Umfangs den Künstlern (dem Graveur wie auch dem Fliesenmaler, der die Drucke vervollständigte) mehr Themen als das Neue Testament. Zum Beispiel enthält Pieter Schuts Werk Toneel ofte Vertooch der Bybelsche Historien 336 biblische Grafiken, von denen 192 (57 %) den israelitischen Teil der Bibel illustrieren und 144 (43 %) den christlichen. Im Repertoire der bis heute registrierten biblischen Motive, die auf niederländischen Fliesen vorkommen (Archiv von Jan Pluis), verringert sich dieser Anteil auf 54 % und 46 %, obwohl diese Zahlen sich nur auf die ikonografische Häufigkeit der Motive beziehen und nicht auf ihr tatsächliches Vorkommen an Wänden und Feuerstellen und auf die Produktionszahlen der Fliesenhersteller (was noch längerer Erforschung bedarf).

 

Sowohl die Herstellung der Bibelfliesen in der Republik als auch ihr Vorhandensein in niederländischen Häusern könnte auch in einem größeren sozialen Zusammenhang interpretiert werden, nämlich der ‚Biblisierung‘ des täglichen Lebens ab dem 17. Jahrhundert, ein Phänomen, welches gemäß Antoni Ziemba (2000: 51-59) als ein „massiver visueller Angriff“ angesehen werden könnte. Diese kulturelle Entwicklung wirkte nach zwei Seiten: Einerseits betraf sie die Darstellung biblischer Szenen in einer typisch niederländischen Umgebung einschließlich Landschaft, Natur, tägliches Leben, Bekleidung und Gebräuche. Die Tradition, biblische Motive in lokale Kontexte einzufügen, war Teil des europäischen christlichen Imaginariums (Bildsprache; in den Niederlanden bereits zu erkennen in den Werken der spätmittelalterlichen flämischen Primitiven) aber in der Republik des 17. Jahrhunderts begann sie zu gedeihen und gelangte zu enormer Blüte. Abraham Bloemaert malte Tobias und den Engel mit einem riesigen Taubenschlag im Vordergrund (ca. 1630, Centraal Museum, Utrecht), Pieter Jansz. Post stellte die Trennung von Abraham und Lot (1. Mose 13) in einer niederländischen Landschaft dar (ca. 1630, Frans Hals Museum, Haarlem), in dem Gemälde von Marcus Ormea  erscheint der auferstandene Christus (Johannesevangelium, Kapitel 21) seinen Jüngern am Strand der Nordsee (ca. 1630, Openbaar Centrum voor Maatschappelijk Welzijn Brugge), Jan Steens Das Hochzeitsbett von Tobias und Sarah (ca. 1660, Museum Bredius, Den Haag) ist eine perfekte niederländische Genreszene (Van den Berg et al 2014: 68-123). Die Darstellung von biblischen Geschichten in vertrauter, gewohnter, oft sogar plebejischer Umgebung wurde von den Betrachtern sehr geschätzt und spielte eine wesentliche Rolle im religiösen Unterweisungs-Programm, eine Tatsache die ihren deutlichen Beweis findet durch die Ausstellung Het Oude Testament in der Schilderkunst van den Gouden Eeuw [Das Alte Testament in der Malerei des Goldenen Zeitalters, Joods Historisch Museum, Amsterdam 1991] und den dazugehörigen Katalog (Tümpel 1991). Da Fliesen auf Drucke folgten (welche oft auf den deutschen Arbeiten Merians und Antwerpener Graveure basierten), zeigt die Ikonografie selten die ‚spezifische ländliche rein niederländische Umgebung‘ (die Unterscheidung von dem allgemeinen nordeuropäischen kulturellen Kontext ist problematisch). Die Weihnachtsszene vor einem ‚typisch‘ niederländischen Haus von ca. 1710 (Abb. 33) und Tobias und Sarah kniend in einem niederländischen Wohnhaus von ca. 1650 (Abb. 32) können als seltene Ausnahme angesehen werden. Die Tatsache, dass die Hersteller der Durchstaubschablonen (sponsen) und die Fliesenmaler von Utrecht (Abb. 19, 20, 21) die Kamele aus dem Druck weggelassen (Abb. 18) und stattdessen einen Ochsen im Stall hinzugefügt haben, hat wahrscheinlich mehr zu tun mit technischen Gründen als mit der Absicht, die Szene vertrauter erscheinen zu lassen. Allerdings haben die niederländischen Graveure manchmal Merians Drucke geringfügig verändert aus Rücksicht auf die niederländischen Betrachter – Pieter Schut z. B. änderte eine der Szenen von Merian, so dass sie besser im Einklang war mit der Statenvertaling (Pluis 1994: 254, 579).

Andererseits bedeutete die ‚Biblisierung‘ des täglichen Lebens in der Republik, dass die biblischen Motive auch im breiten Verständnis der persönlichen und materiellen Sphäre des Haushaltes vorkamen. Nicht nur die biblischen Geschichten wurden an das niederländische Leben angepasst, sondern auch das Interieur der niederländischen Häuser erinnerte ständig an die Bibel als eine Quelle der Ausschmückung, was nicht nur die Gemälde an den Wänden betraf. Möbel, Wandteppiche, getönte Glasscheiben, Toilettenartikel, Bestecke, Krüge und Schüsseln wurden häufig mit Szenen aus dem Alten Testament verziert. Der Zweck solcher Abbildungen war oft erzieherisch – z.B. Joseph, der sich den Annäherungen von Potiphars Ehefrau widersetzt, auf der Front eines Wäscheschranks, betonte die Tugendhaftigkeit des Ehebettes (Ziemba 2000: 54-55). Obwohl calvinistische Theologen und Prediger Verbi Dei (Worte Gottes) biblische Darstellungen in Kirchen ablehnten und die Welle der Reformation in den Niederlanden einen Ausbruch von beeldenstormen (Bilderstürmerei, Ikonoklasmus) zur Folge hatte, hatten Möbel und häusliche Gegenstände eine völlig andere Funktion – sie waren keine Objekte des Kultes und der Anbetung, sondern die Träger von moralischen Botschaften. Viele solcher Objekte wurden in zwei Ausstellungen im Museum Catharjnenconvent in Utrecht gezeigt: De Bijbel in huis. Bijbelse verhalen op huisraad in de zerventiende en achtiende eeuw [Die Bibel zuhause. Biblische Erzählungen auf häuslichen Gegenständen im 17. und 18. Jahrhundert, 1991] und Thuis in de Bijbel. Oude meesters, grote verhalen [Zuhause in der Bibel. Alte Meister, große Erzählungen, 2014], gefolgt von informativen Katalogen (Defoer et al. 1991; Van den Berg et al. 2014). Bibelfliesen gehörten zweifellos zu genau der gleichen Kategorie und versorgten die Familienmitglieder mit ähnlichen frommen Lektionen. Hervorzuheben ist aber, dass weder die Ausstattung noch die Fliesen wahrscheinlich von den niederländischen Betrachtern als Biblia pauperum (Bibel für die Armen) angesehen wurden, welche dem einfachen, leseunkundigen Volk die Grundzüge der Bibelkenntnis vermittelte (die meisten konnten tatsächlich lesen), sondern als Gedächtnisstütze und Wiederholung des Wissens, das sie bereits hatten.

 

Antoni Ziemba hat in seinem sehr lehrreichen Buch Nowe Dzieci Izraela. Stary Testament w kulturze holenderskiej XVII wieku [Die neuen Kinder Israels. Altes Testament in der niederländischen Kultur des 17. Jahrhunderts, 2000 – leider nur in Polnisch gedruckt] betont, dass die landesweite ‚Biblisierung‘ der Innenräume in der Republik ca. 1660 – 1670 ihre Wirkung verlor, als die Wohlstandsgesellschaft die aufdringliche protestantische figurative Ausschmückung mit Ornamenten und feinen Dekorationen aufgab. Nichtsdestotrotz hat der biblische dekorative Trend, sichtbar besonders im Mobiliar, sich in der Volkskultur bis ins 19. Jahrhundert gehalten. Er wurde sehr gepflegt von den Mennoniten aus dem Gebiet der Zaanstreek, und später breitete er sich in der Republik auf dem Lande aus (Ziemba 2000: 56-57). Die Dynamik dieses Prozesses entspricht deutlich dem Aufkommen der niederländischen Bibelfliesen an den Wänden. In die Innenräume der reichsten Häuser fanden sie allerdings kaum ihren Weg, aber da sie die teuersten Erzeugnisse im Angebot der Fayencewerkstätten waren, fand man sie auch nicht in den Küchen, Fluren, Kellern und Lagerhäusern. Als die Herstellung der bijbeltegels (Bibelfliesen) im 18. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte, fing man an, die Wände und die Kamine (smuigers) der Häuser der Mennoniten in der Zaanstreek (Abb. 28, 30) damit zu schmücken, dann erreichten sie die Innenräume der unteren Mittelschicht und letztendlich die Bauernhäuser (Abb. 27).

 

Bibelfliesen wurden sehr gründlich besprochen durch Jan Pluis in seinem beeindruckenden Buch Bijbeltegels. Bijbelse voorstellingen op Nederlandse wandtegels von de 17e tot de 20e eeuw. Bibelfliesen. Biblische Darstellungen auf niederländischen Wandfliesen vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (1994). Umfangreich behandelt und beschreibt es ‘nur‘ 1895 Objekte (das Privatarchiv des Forschers beinhaltet 6 Mal so viele Aufnahmen). Andere wichtige Studien zu dem Thema: Mit Bilderfliesen durch die Bibel von Kurt Perrey, Ein Fliesenschatz in Klosterzellen. Bibelfliesen im Kloster Lüne“ von Marlis Anders und Texte, die veröffentlicht wurden von Wilhelm Joliet auf den Webseiten ‚Die Geschichte der Fliese‘ und ‚Tegels uit Rotterdam‘. Darüber hinaus gelang es der deutschen protestantischen Kirche in Ostfriesland, genauer, dem evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Norden, 2008 eine Fliesenbibel zu veröffentlichen, in welcher der Text des Alten und des Neuen Testaments mit den geeigneten Reproduktionen von 600 niederländischen Fliesen enthalten ist, nicht zu vergessen die zahlreichen Ausstellungen und Kataloge, die bisher zur Begleitung erstellt wurden.

 

Es ist fast unmöglich, alle interessanten Museumssammlungen und Inneneinrichtungen aufzuführen, die mit niederländischen Bibelfliesen geschmückt sind, aber (um nur einige zu nennen), da wären die deutschen Burgen und Paläste wie Amalienburg, Oranienbaum, Eutin und Bothmer; der alte Sielhof in Neuharlingersiel (Abb. 31); das Kloster Lüne, der Beginenhof in Brügge, die Kirche von Santa Maria und das Hospital de San Juan in Cadiz; oder der Palast Casa do Paço im portugiesischen Figueira da Foz, die alle einen Besuch wert sind. In Polen sind die besten Beispiele zu finden an den Wänden der Paläste Wilanów (das Fayencenkabinett, Oczko und Pluis 2013: 81-89); das Beyersdorf-Zimmer in Wroclaw (Szmida-Pólbratek 2010) und das niederschlesische Pakoszów (deutscher Name Wernersdorf); im Waschbecken von Schloss Malbork; darüber hinaus in den Sammlungen des Nationalmuseums in Gdánsk (Danzig) und dem Archäologischen und Historischen Museum in Elblag (Elbing) (mit Fliesen von früheren Mennonitenhäusern von Źuławy Wiślane). Hier drängt sich eine reizvolle Frage auf: Sind die Mennoniten aus Źuławy dem Geschmack der Bibelfliesen gefolgt, typisch für ihre niederländischen Vorfahren? Wie wir wissen, waren ihre Vorlaubenhäuser reich verziert mit niederländischen Fliesen – leider sind nur einige wenige erhalten und künftige Forschung ist lediglich auf die Spurensuche nach Archivquellen angewiesen. In der Vergangenheit gab es im polnisch-litauischen Raum viel mehr Innenräume, die mit Bibelfliesen dekoriert waren. Die Beschreibung des Palastes der Radziwills in Olyka von 1772 erwähnte die Wände, an denen „die Fayencen mit Geschichten aus der Heiligen Schrift, gemalt in blauer Farbe per misteriam“ angebracht waren (Przywoźna-Leśniak 2013).

 

Heutzutage hat die Fliese in den Niederlanden fast den Status eines nationalen Symbols erlangt, da sie ein ständiger Bezugspunkt und ein Bindeglied zwischen Gegenwart und Vergangenheit ist. Es genügt, das große „Comeback“ im 20. Jahrhundert zu nennen (Pluis 2008), wobei das Phänomen auch beispielhaft bewiesen wird durch den kürzlich in Amsterdam eröffneten Tunnel für Radfahrer und Fußgänger (fiets- en voetgangerstunnel), welcher reich geschmückt ist mit handbemalten Fliesen (entworfen von Irma Boom, hergestellt von Royal Tichelaar in Makkum, 2014, Abb. 34) oder das Heizwerk (stadsverwarming) in Enschede (entworfen von Hugo Kaagman, 2009). Das Erbe Fliesen wird auch genutzt zu Werbezwecken, z.B. für Geschenkpapier, Pralinenschachteln und eine Vielzahl von kitschigen Souvenirs (Van der Wees, 2012). In diesem Zusammenhang ist die Werbekampagne der KLM „Tile Yourself“ von 2011 besonders erwähnenswert: die Nutzer der sozialen Medien wurden von der Firma eingeladen, ihr eigenes Fliesen - Portrait zu erstellen, wovon einige tatsächlich den Weg auf die Rümpfe der KLM-Flugzeuge geschafft haben. Weiterhin werden Fliesen als ikonische Vertreter der niederländischen nationalen Identität ständig re-interpretiert durch moderne Künstler und dienen sogar als Medium für verschiedene soziale Kampagnen. Ein interessantes Beispiel ist das Projekt von Ien van Laanen, einer Malerin aus Amsterdam, die eine Serie von Fliesen entworfen hat, die verschiedene Aspekte des zeitgenössischen Lebens in den Niederlanden aufzeigen und uns gleichzeitig mit ironischen Kommentaren über die Macht von Stereotypen versorgen. Ihre Fliesen wurden genutzt als Illustration für eine Serie von Artikeln, die von Wilma de Rek und Bert Wagendorp veröffentlicht wurden, zuerst in de Volkskrant und dann in Buchform als Encyclopedie der Nederlanden (2011). In den Arbeiten von Ien van Laanen werden traditionelle Themen wie Landschaften, Schäfer, Putten, und spielende Kinder dargestellt wie auch bildliche Darstellungen von der sprichwörtlichen niederländischen Toleranz wie gleichgeschlechtliche Ehen, Frauenemanzipation, ganz zu schweigen von anderen modernen niederländischen Assoziationen wie Käsehobel, Fußballfans, Staus, Rijsttafel, Keukenhof oder de Stijl.

 

Obwohl die Bibel fast nicht-existent ist im niederländischen Imaginarium von heute und die modernen Betrachter kaum den Unterschied nennen können zwischen der ikonografischen Darstellung der Flucht nach Ägypten und der Verbannung von Ismael und Hagar, so ist die Geschichte der Fliese in den Niederlanden auf keinen Fall abgeschlossen.

 

 

 

 

Bildteil:

1 Fliesenboden aus der Abtei von Herkenrode, 1532. Foto: Jan Pluis.

 

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2 Landschaft mit Schloss und Brunnen, Cornelis Boumeester, Rotterdam, ca. 1710-1730. Foto: Jan Pluis.
3 Hirtenszene, aus der Werkstatt von Gerardus van Oort, Utrecht, ca. 1680, Foto: Piotr Oczko.
4 Nashorn, nach einem Stich von Albrecht Dürer von 1515, Werkstatt Gebr.
Ravesteyn Utrecht, ca. 1850. Foto: Jan Pluis.

 

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5 Junge spielt mit einem Kreisel, Rotterdam, ca, 1635-1650. Foto: Jan Pluis.
6 Amor sitzt auf einem Schädel und hält ein Schälchen, darüber eine Seifenblase, in der rechten Hand 
   (Symbol der Vergänglichkeit), ca. 1640, Foto: Jan Pluis
7 Triton mit einer Meerjungfrau, Harlingen, ca. 1669, Foto: Jan Pluis

 

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8 Frachtschiff (fluit), Harlingen, ca. 1670, Foto: Jan Pluis.
9 Ein Fuchs verliest die Passion Christi, Rotterdam(?), ca. 1630. Foto: Jan Holtkamp.
10 Eine Frau hebt ihren Rock, ca. 1640. Foto: Jan Pluis.

 

11   6 Bibelfliesen, Amsterdam, ca. 1740. Foto: Jan Pluis.

 

12  6 von Adam Sijbel gemalte Bibelfliesen. Sie basieren auf Stichen des Pieter Schut, Makkum, ca. 1790. Foto: Jan Pluis.

 

13 Die Bekehrung des Saulus, Fliesentableau im Vleeshuis in Antwerpen, 1547. Foto: Jan Pluis.

 

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14 Das heilige Herz der Jungfrau Maria, Werkstatt Tjallingii, Harlingen, ca. 1890-1900. Foto: Peter Mooij.
15 Das heilige Herz Jesu, Werkstatt Tjallingii, Harlingen, ca. 1890-1900.
Foto: Peter Mooij.

 

16 Kupferplatte von Mattheus Merian mit ‚Anbetung der Könige‘ für seine Icones biblicae, ca. 1625-1627. 
     Foto: Jan Pluis.

 

17 ‚Anbetung der Könige‘, Blatt 19 aus Merians Icones biblicae, ca. 1625-1627. Foto: Jan Pluis.

 

18 ‚Anbetung der Könige‘, Blatt 9 aus Nicolaes Visscher ‚Historiae sacrae …‘. 1650. Foto: Jan Pluis.

 

19 ‚Anbetung der Könige‘. Durchstaubschablone (spons) und Malvorlage aus der Werkstatt Agter ‚t Weystraat, Utrecht, ca. 1750-1760. Gemeente Museum Het Hannemahuis, Harlingen. Foto: Het Hannemahuis.

 

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20 ‚Anbetung der Könige‘, Utrecht, ca. 1760-1770. Foto: Leen den Toom.
21 ‚Anbetung der Könige‘.
Utrecht, ca. 1790. Foto: Jan Pluis.

 

 

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22 ,Susanna und die Ältesten‘, Maler: Jan Eelkes, Harlingen, ca. 1780. Foto: Jan Pluis.
23 ‚Jungfrau Maria‘ (Onze Lieve Vrouw), Werkstatt Ludolf Bakhuizen, Rotterdam, ca. 1760.
     Foto: Nederlands Tegelmuseum Otterlo.
24 ‚Samson trinkt Wasser aus dem Kieferknochen eines Esels‘, Amsterdam, ca. 1650.
Foto: Jan Pluis.

 

25 Menschikow-Palast St. Petersburg. Fliesen aus Utrecht und Harlingen, ca. 1672-1729. Foto: Frans Dronkers.

 

26 Wohnraum eines Bauernhauses in St. Kruis (Westflandern). Fliesen aus der Rotterdamer Werkstatt ‚Het Wapen van Dantzich‘, ca. 1785. Foto: Jan Pluis.

 

27 Stube eines Bauernhauses in Cillaarshoek (Südholland) mit Rotterdamer Fliesentableaus aus der Fayencewerkstatt des Jan Aalmis, ca. 1780. Foto; Jan Pluis.

 

28 Smuiger mit Bibelfliesen in einem Haus auf der Zaanse Schans, Amsterdam, ca. 1790. Foto: Jaap de Koning.

 

29 Philip Doddridge bewundert Fliesen am Kamin. Seine Mutter liest ihm vor und erläutert den Sinngehalt der Darstellungen. Being Narratives of Holy Scripture, London 1842.

 

30 Bibelfliesen, Detail der Abb. 28. Foto: Jaap de Koning.

 

31 Bibelfliesen im Sielhof, Neuharlingersiel. Fliesen aus der Amsterdamer Werkstatt ‚De Twee Romeinen‘, ca. 1750. Foto: Achim Röder.

 

32 Tobias und Sarah knien in niederländischem Interieur, Amsterdam, ca. 1650. Foto: Jan Pluis.

 

33 Krippe vor einem ‚typisch‘ niederländischen Haus, Harlingen, ca. 1710. Foto: Jan Pluis.

 

34 Tunnel für Fußgänger und Radfahrer unter dem Hauptbahnhof von Amsterdam, Fliesenbekleidung entworfen von Irma Boom, hergestellt von Koninklijke Tichelaar in Makkum, 2014. Foto: Tom Swaab.

 

35    48 Bibelfliesen aus einer Serie bestehend aus 137 Motiven, Utrecht, Werkstätten ‚Achter ‘t Weystraat und 
        Gebr. Ravesteyn, ca. 1860-1870. Foto: Piotr Oczko.

 

Der Verfasser spricht seinem Freund und größten Fliesen-Lehrer Jan Pluis seinen aufrichtigen Dank aus für seine äußerst freundlichen Ratschläge, seine nicht nachlassende Anleitung und seine Geduld.

Sein Dank gilt auch den Übersetzerinnen des englischen Textes: Barbara Tillmann und Jutta Dauth

Der Verfasser dankt Wilhelm und Norbert Joliet für die Bearbeitung und Veröffentlichung des Berichtes.

www.geschichte-der-fliese.de und www.tegels-uit-rotterdam.com

 

Projektgruppe Kulturgut Bibelfliesen

www.fliesenbibel.de

 

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Piotr Oczko
Jagiellonian University

WydziałPolonistki
Uniwersytet Jagielloński
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31-007 Kraków, Poland

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